Vom Versagen einer Branche auf neue Kundenbedürfnisse einzugehen. Eine persönliche Beobachtung

Aktualisiert: Apr 18

Marketing hat unter anderem die Aufgabe, wandelnde Kundenbedürfnisse zu erfassen und ein Wertangebot zur Befriedigung dieses Bedürfnisses zu entwickeln. Corona zeigt exemplarisch, am Bespiel der Druckindustrie in der Schweiz, wie wenig Anbieter aus dieser Branche solche Chancen nutzen und lieber darauf hoffen, dass nach der Krise die gewohnten Kunden und Aufträge zurückkommen.



Warum es geht

Corona schüttelt die grafische Branche brutal durch. Viele Unternehmen der Medienproduktion beklagen massive Einbrüche bei Bestellungen. Aufträge werden verschoben, gestoppt, verändert, zurückgestellt.


Am 17. März 2020, nach dem bundesrätlichen Lock Down, sagte ich zu einem alten Freund, der viele Jahre ein grafisches Unternehmen geführt hat, dass ich als grafischer Unternehmer auf die Herstellung von medizinischem Schutzmaterial aus Papier setzen würde. Da die Branche über grosses Know-how und teilweise auch über die nötigen Maschinen zur Papierverarbeitung verfüge. Ich dachte dabei an modische Schutzmasken nach dem Swatch-Prinzip. Er schüttelte nur den Kopf und fand die Idee albern. Es werde doch niemand "modische" Schutzmasken tragen wollen. Zwei Wochen später sandte er mir dieses Bild eines Herstellers aus Italien.


Und inzwischen tun es auch andere.


Was tun in der Krise?

Wenn sich eine solche Krise wie die aktuelle einstellt, überlegt man als Unternehmen, wie man auf diese Veränderung reagieren soll. Soll man abwarten und hoffen, dass sich die Kunden an einen erinnern und die Aufträge später zur Ausführung kommen? Oder ist es besser, die Gelegenheit zu nutzen, indem man auf aktuelle Kundenbedürfnisse eingeht und Neues entwickelt und anbietet? Zum Beispiel Schutz- und POS-Material aus Papier.


Beispiele

Tatsächlich beobachte ich grafische Unternehmen, die genau das tun und Bedürfnisse abdecken, die rund um die Pandemie entstanden sind. Dabei geht es nicht nur um Schutzmasken und -bekleidung, sondern auch um Informations- und POS-Material.


Die hier gezeigten Beispiele stammen aber fast ausnahmslos aus dem Ausland (ausser Flyerline CH). Sie sind sicher nicht vollständig und es ist mir auch klar, dass nicht jeder Betrieb dafür ausgerüstet ist. Und falls es grafische Unternehmen aus der Schweiz gibt, die sich in diesem Bereich auch engagieren, kann ich nur gratulieren. Aber ich fürchte, dass die meisten hierzulande auf Abwarten tendieren.


Erste Reihe von links nach rechts

Bild 1. Ben Murphy, von Murphy Print, bietet eine ganze Reihe von Produkten an, die im Zusammenhang mit Corona in Unternehmen und in der Öffentlichkeit nützlich sein können. Signalisationen, POS-Material zur Leitung von Kunden in Einkaufsläden usw.

Bild 2. und 3. Ähnliches offeriert auch der Onlineshop Where The Trade Buys in London.

Bild 4. Die Prime Group in Nottinghamshire half sogar kurz nach Ausbruch der Krankheit bei der Entwicklung eines "Helms" für medizinisches Personal.


Zweite Reihe von links nach rechts

Bild 1. Precision Printing in London hatte die Idee, medizinischem Personal das Lächeln zurückzugeben und sie mit einem Portraitsticker auf ihrer Arbeitskleidung auszurüsten, damit Patienten Pflegende als Menschen wahrnehmen können.

Bild 2 und 3. Auch Flyerline bietet via Webshop Schutzmaterial an.

Bild 4. Und der Webshop der Onlineprinters in Deutschland steigt ins Maskengeschäft aus Papier ein.




Verhallen Rufe nach Innovation?

Hersteller jeder Branche sind sich vom Mindset her gewohnt, eine Halle mit Herstellungsinfrastruktur einzurichten und darauf zu hoffen, dass Kunden kommen, ihr Produkt herstellen lassen und dafür einen Preis entrichten. Dieses Geschäftsmodell und das entsprechende Mindset trifft man nicht nur bei grafischen Unternehmen. Die gibt es auch beim Schreiner, Küchenbauer, Gärtner und vielen anderen.


Der andere Weg, ein Produkt zu entwickeln und auf dem Markt anzubieten, verlangt eine komplett andere Einstellung und wohl auch andere Fähigkeiten.


Auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Initiativen, die Betriebe der Branche zu mehr Innovation (im Bereich Geschäftsmodell- und -produkte-innovation) anzuregen sowie sensibler und flexibler auf Kundenbedürfnisse einzugehen. Die jüngste stammt von der Fachzeitschrift "Deutscher Drucker". Bin gespannt, was sie bewegt.



Fazit

Hersteller, die im Auftrag eines Kunden ein Produkt herstellen, sind sich gewohnt, auf "ihre" Kunden zu warten. Das Umdenken, als Anbieter eines Produktes aufzutreten, fällt ihnen schwer.


Vielleicht gilt ja die alte Fussballregel, dass man aus einem Verteidiger keinen Stürmer machen kann. Trotzdem nehme ich diese passive und abwartende Haltung der Branche als Problem wahr und hoffe, dass es immer mehr Unternehmen in der Medienproduktion gibt, die Chancen erkennen, das Heft in die Hand nehmen und Produkte und Dienstleistungen herstellen und anbieten. Sie wären in Krisenzeiten wesentlich weniger anfällig.

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